Die Inselmalerin v. Susanne Oswald
Nach dem Tod ihres Mannes kehrt Barbara wieder nach Wangerooge zurück, um sich zu erholen und über ihr weiteres Leben nachzudenken. Sie will endlich die Schatten der Vergangenheit hinter sich lassen und ihr neues Leben mit dem verbringen, das schon immer ihre Leidenschaft war - Malen.
Susanne Oswald erzählt auf wunderbare Weise von einer Frau auf der Suche nach sich selbst, ihrer Bestimmung und ihrer Liebe.
Wörter: 66.200, 174 S.
Inhalt: Romance, Romantisch, Liebesroman, Liebe, Verführung, Kurzgeschichten
Leseprobe:
„Liebes, es geht mir gut. Mache dir bitte keine Sorgen. Die Fahrt war wunderschön. Ich bin so froh, endlich hier zu sein. Die frische Inselluft wird mir den Kopf frei pusten, dann sehe ich bestimmt bald klarer. Du weißt doch, es geht immer irgendwie weiter.“
Barbara brauchte ihre ganze Kraft, um Zuversicht in ihre Stimme zu legen. Sie wollte nicht, dass Emilie sich Sorgen machte. Die letzten Wochen waren schlimm genug gewesen - für sie alle. Nun war es Zeit, dass Emilie sich wieder um ihre eigene Familie kümmerte.
„Mama, du musst nicht die Starke spielen. Du weißt, ich bin immer für dich da. Ich hab’ dich so lieb, denke bitte immer daran, ja? Und auch Bernhard hilft dir, wenn du ihn brauchst. Ach Mama, bist du wirklich stabil genug, um alleine auf Wangerooge zu sein? Ich hätte dich nicht fahren lassen dürfen.“
Barbara holte tief Luft. Eine einzelne Träne bahnte sich den Weg ihre Wange hinunter, über das Kinn und tropfte auf ihre Brust.
„Es geht mir wirklich gut, Liebes. Grüße bitte die Kinder und Bernhard von mir. Ich muss jetzt Schluss machen, ich möchte noch malen gehen, solange das Wetter hält. Ich melde mich bald wieder. Tschüss, Emilie.“
„Tschüss, Mama.“
Barbara hörte die Zweifel in Emilies Stimme, aber sie konnte es nicht ändern. Zitternd legte sie den Hörer auf. Mit dem Ende des Gespräches kam auch das Ende ihrer Beherrschung. Sie ließ sich auf die nächstbeste Umzugskiste sinken und barg ihr Gesicht in den Händen.
Nur langsam verebbte die Tränenflut.
Das Leid, die Wut und die Verzweiflung der letzten Wochen bahnten sich den Weg an die Oberfläche. Endlich konnte sie sich fallen lassen. Endlich musste sie nicht mehr lächeln und den Schein wahren.
Sie fühlte sich elend, leer und ausgebrannt.
Eine viertel Stunde später schnäuzte sie sich resolut und machte sich auf die Suche nach ihren Malutensilien. Sie musste über die wild im Haus verteilten Umzugskartons klettern, aber das war ihr erst einmal egal. Auspacken konnte sie später noch, jetzt wollte sie nur eines – malen.
Ganz hinten im Wohnzimmer fand sie die richtige Kiste und packte entschlossen Staffelei, Block und die Tasche mit den Farben und dem übrigen Zubehör aus.
Schwer beladen stapfte sie aus dem Haus und über die Dünen. Sie suchte den richtigen Ort für ihr erstes Bild und erinnerte sich an ihren Lieblingsplatz.
Wie lange war das her?
25 Jahre waren vergangen, seit sie das letzte Mal dort gewesen war. Eine Ewigkeit. Sicher, sie hatten jedes Jahr ihre Ferien auf der Insel verbracht. Aber da sie ihr Hobby nicht mehr praktizieren durfte, wollte sie auch ihren bevorzugten Malplatz nicht mehr aufsuchen. Das hätte nur Schmerzen und Sehnsucht ausgelöst. Wozu sich quälen?
Barbara spürte ihr Herz im Hals klopfen. Ob es noch so war wie vor diesem Vierteljahrhundert? Ob sie dort immer noch ungestört würde malen können? Damals konnte man sich zwischen einzelnen Büschen positionieren. Man hatte eine wunderbare Sicht auf Strand und Meer, wurde aber von vorbeilaufenden Touristen nicht gleich gesehen. Die Sträucher hielten auch einen Teil des Windes zurück. Der Platz war einfach perfekt gewesen.
Barbara erinnerte sich daran, wie viele Stunden sie dort verbracht hatte. Es war immer das gleiche Motiv und doch glich kein Bild dem anderen. Die Einflüsse von Wind und Sonne, die Energien, die sie selbst mitbrachte. Der Tanz der Wellen, mal ruhiger Walzer, dann wieder Rock and Roll. Egal ob Quick Stepp oder Tango, sie hatte die Stimmungen aufgefangen und auf den Bogen gebannt. Es war wie Zauberei. Barbara blieb einen Moment stehen.
Sie atmete tief ein und sog die Inselluft in sich auf. Diese Frische und Freiheit. Gab es einen schöneren Ort auf Erden? Sie konnte sich keinen vorstellen. Hier könnte sie ihr Paradies finden.
Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber sie spürte, dass sie nicht nur von Unglück berichteten, sondern auch Boten der Befreiung waren. Wenn ihr diese Freiheit doch nur nicht so eine furchtbare Angst machen würde.
Energisch packte sie ihre Sachen und schritt forsch weiter durch den Sand, ihrem Ziel entgegen. Sie wollte nicht mehr denken. Ihr Kopf fühlte sich an wie nach einem Wirbelsturm. Das Schicksal war durchgefegt und hatte nur Trümmer und Zerstörung hinterlassen.
Was sie brauchte war Ruhe, um langsam wieder Ordnung in dieses Chaos zu bringen.
Sie hatte keine Lust, alte Bekannte zu treffen, noch nicht. Sie war nicht soweit, über ihr Unglück zu sprechen. Beileidsbekundungen würde sie heute keine mehr ertragen. Keine Anteilnahme, kein Mitleid.
Morgen würde sie sich der Realität stellen, oder übermorgen. Jetzt war es noch zu früh.
Endlich war sie angekommen. Ihre Arme schmerzten schon und auch das Gehen im Sand war ziemlich anstrengend. Während Barbara versuchte wieder zu Atem zu kommen, inspizierte sie ihr Plätzchen genau.
Es war wohl immer noch ein Geheimtipp für Leute, die Ruhe suchten. Sie konnte an den Spuren sehen, dass vor ihr schon jemand da gewesen sein musste. Aber jetzt war alles verlassen und genau so einladend, wie sie es sich erträumt hatte.
Bevor sie ans Malen ging, setzte sie sich erst einmal ein paar Minuten in den Sand. Seit vier Stunden war sie auf der Insel, aber sie hatte sich noch nicht die Zeit genommen, in aller Ruhe anzukommen. Konnte sie überhaupt noch etwas empfinden? Sie fühlte sich wie abgestorben.
Während ihr Blick den Strand entlang wanderte und mit den kleinen Wellen tanzte, fühlten ihre Hände den Sand. Sie spielte damit, ließ ihn durch die Finger rieseln und buddelte kleine Gräben. Sie fuhr mit der Zunge über ihre Lippen und schmeckte den feinen Salzgeschmack der Luft. Das gleichmäßige Meeresrauschen gab ihrem Inneren ein wenig Frieden. Sie spürte, wie sie mit jedem Atemzug ein wenig mehr ankam.
Würde sie es schaffen? Noch nie war sie auf sich alleine gestellt gewesen. Stets hatte sie jemanden an ihrer Seite gehabt, der sie führte und ihr die Richtung wies. Auch wenn sie mit den Vorgaben nicht immer einverstanden gewesen war, sie hatte sich jederzeit leiten lassen. Nun fühlte sie sich wie ein Schiff ohne Kapitän. Würde sie den Weg finden?
Ein Seufzer löste sich aus ihrer Brust, jetzt grübelte sie doch schon wieder. Schnell kam sie auf die Beine, klopfte sich den Sand ab und machte sich daran, Wasser und Aquarellfarben zu richten und ein Blatt an der Querstange der Staffelei zu befestigen. Dann konnte es losgehen.
So viele Jahre waren vergangen, aber es fühlte sich an, als ob sie erst gestern das letzte Mal den Pinsel in der Hand gehabt hätte. Nach kurzer Zeit hatte sie alles um sich herum ausgeblendet. Ihre Hände arbeiteten flink und konzentriert. Sie spürte kaum, wie der Wind an ihrem zurückgebundenen Haar zerrte. Er gab keine Ruhe, bis er endlich ein Bündel gelöst hatte. Dieses kitzelte sie nun immerzu an der Nase. Mit stoischer Gelassenheit schob sie die Strähne immer wieder hinter das Ohr, nur um dem Wind Gelegenheit zu geben, sie gleich wieder loszureißen.
Ihr Blick wanderte in ständigem Wechsel zwischen der Weite des Meeres und ihrer Staffelei.
Sie hatte die Zunge leicht zwischen die Lippen geschoben, die Zungenspitze zeigte sich rosa schimmernd.
Die Welt um sie herum war vergessen.
„Das wird aber ein wunderschönes Bild.“
Die Stimme riss sie aus ihrer Trance, erschrocken fuhr sie zusammen. Ein gut gekleideter Mann stand nur einen Meter von ihr entfernt und betrachtete bewundernd ihr halbfertiges Kunstwerk. Barbara stand wie erstarrt da. Hatte sie das nicht schon einmal erlebt? Ihre Gedanken huschten mit Lichtgeschwindigkeit in die Vergangenheit ...
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Diesen Artikel haben wir am Freitag, 16. Mai 2008 in unseren Katalog aufgenommen.